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Edition Banzini-Hefte (Ausgabe 6)
Die Navigatorin von Norma Banzi
ISBN: 978-3-934442-87-0
Din-A-5 Heft, ca. 66 Seiten, 3,95
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Inhalt:
Die junge Navigatorin Kyrell verdient ihr Geld als Lotse von Raumschiffen.
Ihr Beruf führt sie zu einem gefährlichen Minenräumkommando
der kriegerischen Ch’tarr, wo sie sich gegen ihren Willen
in einen anmaßenden Offizier verliebt.
Leseprobe:
Weil die Hektik auf der Brücke sich negativ
auf ihre Konzentration auswirkte, erlaubte Patarin Karst Kyrell,
mit der Navigatorstation in einen stillen Nebenraum umzuziehen.
Dort war sie die meiste Zeit mit Mucar allein, der ihr gegenüber
an einer Kommandostation zu arbeiten pflegte. Sie gewöhnte
sich an seinen Anblick. Sein Gesicht kam ihr bald auch nicht mehr
so hässlich vor. Sie entdeckte eine Struktur in den Brandings,
die ihr vorher nicht aufgefallen war. Während einer Arbeitspause
fragte sie ihn danach.
"Weshalb lassen sich die Ch'tarr im Gesicht branden?",
wollte Kyrell wissen.
"Weil es dort besonders schmerzhaft ist", antwortete Mucar.
"Haben Sie denn noch woanders Brandings?"
"Ja!", antwortete Mucar einsilbig. Kyrell blickte ihn
so gespannt an, dass er fortfuhr:
"Manche Ch'tarr lassen sich am ganzen Körper Motive und
Muster einbrennen. In meiner Familie ist es üblich, sich nur
das Gesicht und den Rücken branden zu lassen."
"Hat das Branding immer eine rituelle Bedeutung?"
"Manchmal ist es rituell, manchmal dient es nur der Verschönerung
des Körpers. Ein Chiren will sich morgen auf der Brust branden
lassen. Ich könnte es arrangieren, dass Sie zusehen dürfen",
schlug Mucar vor.
"Ich weiß nicht ..."
"Sie halten wohl nicht viel von der Lebensweise der Ch'tarr,
oder?", erkundigte sich Mucar.
"Wie kommen Sie darauf?", fragte Kyrell vorsichtig.
"Nun, Ihre wenige Freizeit verbringen Sie stets in Ihrer Kabine,
unser Essen schmeckt Ihnen nicht und jedes Mal, wenn Sie jemanden
mit ausgeprägten Gesichtsbrandings sehen, runzeln Sie die Stirn
oder rümpfen die Nase."
"Es ist nun einmal so, dass Brandnarben im Gesicht nicht gerade
dem Schönheitsideal der Hassol entsprechen. Außerdem
ist es kräftezehrend, den ganzen Tag nach getarnten Minen zu
orten. Ich habe abends keine Energie mehr, mich in Ihr Bordcasino
zu begeben. Und was sollte ich dort tun, mich prügeln oder
Akar-Wein in mich hineinkippen, wie Ihre Krieger? Ein Tropfen Alkohol
würde genügen, um mein Talent für mindestens zwei
Tage zu beeinträchtigen."
"Haben Sie Probleme, das Arbeitspensum durchzuhalten?",
fragte Mucar stirnrunzelnd.
"Das habe ich nicht gesagt", zischte Kyrell. "Aber
wenn ich hier schon unter Lebensgefahr die militärischen Altlasten
der Ch'tarr beseitige, darf ich ja wohl erwarten, dass man mir nach
Feierabend genießbares Essen serviert und mich in der Abgeschiedenheit
meiner Kabine von den Strapazen des Tages erholen lässt."
"Wie Sie wünschen", knurrte Mucar und wandte sich
wieder seiner Konsole zu. Den Rest des Tages behandelte er sie noch
distanzierter und einsilbiger, als er es ohnehin schon tat. Abends,
als sie wie jeden Tag allein in ihrer Kabine speiste, überwältigten
sie Stress und Einsamkeit. Schluchzend warf sie sich auf ihre Koje
und heulte sich in den Schlaf. Als sie wieder erwachte, mit verquollenen
Augen und dröhnenden Kopfschmerzen, hielt ihr jemand ein Glas
Wasser vor die Nase. Vor Schreck kreischte Kyrell auf.
"Wie kommt es, dass Sie von den Ch'tarr nur das Schlimmste
erwarten?", hörte sie Mucar fragen.
"Was machen Sie in meiner Kabine?", wollte Kyrell misstrauisch
wissen.
"Ich fresse kleine Frauen von den Hassol", brummte Mucar.
Wider Willen musste Kyrell lachen.
"Einer der Leibwächter machte sich Sorgen um Sie, weil
Sie ihr Essen haben stehen lassen und zusammengekrümmt auf
der Koje lagen. Brauchen Sie einen Arzt?"
"Ich habe nur etwas Kopfschmerzen."
"Kein Wunder, Sie sind viel zu verspannt, bekommen zu wenig
Bewegung. Erst sitzen Sie den ganzen Tag auf Ihrem Sessel, dann
in Ihrer Kabine."
"Was soll ich auf einem Scouter der Ch'tarr denn sonst tun?",
fauchte Kyrell.
"Wir haben eine Offiziersmesse und ein Casino für die
Mannschaft. Beide Orte sind Ihnen zugänglich", erklärte
Mucar. Dann bekam seine Stimme einen ironischen Klang: "Ach
ja! Wir Krieger der ul'chanischen Konföderation tun ja nichts
anderes, als uns in unserer Freizeit zu besaufen und zu prügeln.
Und so etwas ist natürlich nichts für Hassol-Frauen."
"Ist es auch nicht", zischte Kyrell.
Mucar erhob sich seufzend von seinem Hocker.
"Dann pflegen Sie doch weiter ihre kleinen Vorurteile über
die Ch'tarr. Morgen benötigen wir Ihre Hilfe übrigens
nicht. Sie können den Tag verbringen, wie es Ihnen gefällt."
"Ein freier Tag?", fragte Kyrell erstaunt.
"Nun, Sie können ihn gebrauchen, oder?"
"Ich habe nicht darum gebeten."
"Ich tue, was ich für richtig halte", sagte Mucar.
Bevor Kyrell noch etwas sagen konnte, verschwand er in seiner eigenen
Kabine. Das Schott schloss sich zischend hinter ihm. Aufstöhnend
vergrub Kyrell ihren Kopf in ihrem Kissen. Sie wollte nur ihre Ruhe
und die verdammten Ch'tarr vergessen. Doch der Schlaf wollte sich
nicht einstellen. Grübelnd fragte sie sich, ob sie wirklich
so intolerant war, wie Mucar es andeutete. Die Kinder Uls, zu denen
auch die Ch'tarr gehörten, waren eine gefährliche Kriegerspezies.
Seit zehntausend Jahren brachten sie Tod und Verwüstungen in
alle Regionen des erforschten Weltalls, annektierten Planeten, gingen
auf Raubzüge. Vorsicht im Umgang mit ihnen war nicht nur angebracht,
sondern lebensnotwendig.
Andererseits genoss Kyrell Gastrecht auf der Gorasul. Der Arbeitskontrakt
garantierte ihre persönliche Sicherheit, und bisher gab es
an den Sicherheitsmaßnahmen nicht das Geringste auszusetzen.
Zwei Leibwächter standen Kyrell jederzeit zur Verfügung
und der Stellvertreter des Kommandanten kümmerte sich persönlich
um ihr Wohl. Und eine Spezies, die seit zehntausend Jahren erfolgreich
war, musste doch auch so etwas wie Kultur besitzen. Die Vorstellung,
einen ganzen Tag allein in ihrer Kabine sitzen zu müssen, gab
den Ausschlag. Entschlossen erhob sich Kyrell von ihrer Koje und
ging zu dem Schott, das die beiden Kabinen miteinander verband.
Sie pochte dagegen. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis
die Tür sich öffnete.
"Fehlt Ihnen etwas, Navigatorin Kyrell?", fragte Mucar
kühl.
Verblüfft starrte Kyrell ihn an. Er hatte seine lederne Uniform
gegen zivile Kleidung ausgetauscht. Statt des Lederharnisches trug
er ein weißes Hemd aus edlem Tuch. Seine Beine steckten in
einer locker fallenden schwarzen Hose. Mit der Uniform schien er
auch etwas von seiner Strenge und Arroganz abgelegt zu haben. Sein
Gesicht wirkte weicher, angenehmer, richtig attraktiv. Von ihm ging
plötzlich eine Anziehungskraft aus, die Kyrell vorher nicht
empfunden hatte.
"Kyrell?", mahnte Mucar.
"Ich habe noch nie einen Ul'cha in ziviler Kleidung gesehen",
entfuhr es ihr.
"Ist das der Grund Ihrer Störung?"
"Ich würde gerne an den Essen in der Offiziersmesse teilnehmen.
In meiner Kabine ist es wirklich etwas einsam. Und über Ihre
Einladung, das Branding des Chirens beobachten zu dürfen, fühle
ich mich geehrt. Ich hoffe, es ist nicht zu spät, sie anzunehmen."
"Ich werde alles in die Wege leiten", antwortete Mucar.
"Und Sie können jederzeit in die Offiziersmesse gehen.
Patarin Karst wird sich freuen, Sie endlich bei den Mahlzeiten begrüßen
zu dürfen."
"Ich wusste nicht, dass er meine Anwesenheit dort erwartete."
"Der Patarin respektierte Ihre Zurückgezogenheit. Für
ihn ist nur wichtig, dass Sie sich wohl fühlen. Das Projekt
muss ein Erfolg werden, sonst verliert Karst vor unserem Anführer
das Gesicht."
"Ich bin der Aufgabe gewachsen, sonst hätte ich sie nicht
angenommen", sagte Kyrell.
"Ich zweifele nicht an Ihren Fähigkeiten", erwiderte
Mucar.
"Das ist ja etwas ganz neues", entfuhr es Kyrell.
"Sie schaffen es immer wieder, mich zornig zu machen",
knurrte Mucar.
"Ihr ständiges Misstrauen ist auch nicht einfach zu ertragen",
gab Kyrell zurück.
"Kommen Sie! Trinken wir etwas miteinander", wechselte
Mucar das Thema.
"Ich habe Ihnen doch schon erklärt, wie Alkohol auf mich
wirkt", sagte Kyrell.
"Ich habe auch Akar-Saft in meinem Privatfundus", entgegnete
Mucar. Er zeigte auffordernd auf seine Klappcouch. Zögernd
betrat Kyrell die Kabine des Darmons. Sie war größer
als die ihre, ausgestattet mit einem Schreibtisch, einer Couch und
sogar einer kleinen Sitzecke. Die Schlafkoje war doppelt so groß
wie die ihre. Kyrells Blick fiel darauf, bevor sie sich auf die
Couch setzte. Mucar bemerkte es, als er die Getränke zubereitete.
"Sie befürchten immer noch, ich könnte Sie vergewaltigen",
grollte er ungehalten.
"So etwas würde mir nie in den Sinn kommen", log
Kyrell. Sie nahm Mucar das Saftglas ab. "Auf den Erfolg unseres
Projektes", prostete er ihr zu. Sie tranken. Danach setzte
sich Mucar neben sie auf die Couch, demonstrativ einen weiten Abstand
von ihr wahrend.
"Der Akar-Saft schmeckt nicht schlecht", lobte Kyrell.
"Vielleicht haben Sie einmal Gelegenheit, Akar-Wein zu probieren."
"Weshalb würde Patarin Karst sein Gesicht verlieren?",
erkundigte sich Kyrell.
"Eine Passage durch das Minengebiet zu errichten, galt bei
uns als unmöglich, weil die Minen nicht nur getarnt sind, sondern
untereinander in Verbindung stehen und sich mittels Nano-Technologie
selbst reproduzieren, sobald eine von ihnen ausfällt. Mehrere
Patarine meines Volkes haben sich an dem Projekt versucht und sind
dabei umgekommen oder mussten aufgeben. Aber Karst wollte es noch
einmal wissen. Zwanzig Jahre arbeitete er an der Vorbereitung des
Projekts. Er blätterte in alten Dateien und Dokumenten, immer
auf der Suche nach den verloren gegangenen Zugangscodes. Und er
fand etwas. Mit der Hilfe des von ihm aufgespürten Codes ist
es möglich, den verbliebenen Minen vorzugaukeln, die geräumten
Minen seien noch vorhanden. Eine Reproduktion findet nicht mehr
statt. Unser Anführer Wyler wollte nichts von dem Plan wissen.
Erst, als Karst mit ihm wettete, ließ sich Wyler auf die Sache
ein. Wyler kann einer Wette nur schwer widerstehen."
"Dann ist Wyler an einem guten Abschluss der Sache nicht interessiert?"
"Oh doch! Wyler würde Karst nur ungern verlieren."
"Weil er ein guter Patarin ist?"
"Weil Wyler und Karst Zwillingsbrüder sind", entgegnete
Mucar.
"Brüder können miteinander zerstritten sein",
wandte Kyrell ein.
"Wyler und Karst sind einander sehr zugetan. Außerdem
gibt es noch einen weiteren Familienangehörigen von Wyler auf
diesem Schiff."
"Wen?", fragte Kyrell neugierig.
"Wylers Sohn dient auf der Gorasul."
"Kenne ich ihn? Ist es jemand, der auf der Brücke dient?",
wollte Kyrell gespannt wissen.
"Ich bin Wylers Sohn."
"Deshalb hatte Patarin Karst so große Geduld mit Ihnen",
entfuhr es Kyrell.
"Was meinen Sie damit?", fragte Mucar.
"Als Patarin Karst mich für die Navigation einteilte,
haben Sie ihm heftig widersprochen. Ich habe gelesen, dass ul'chanische
Patarine jeden Untergebenen töten, der ihre Anweisungen nicht
sofort befolgt."
Mucar lachte. "Sie haben eine völlig falsche Vorstellung
von uns. Natürlich kann es vorkommen, dass man einen Untergebenen
wegen einer Verfehlung töten muss. Doch weshalb sollte es verboten
sein, konstruktive Einwände vorzubringen? Ein Patarin, der
seinen Darmon nicht anhört, würde sich unklug verhalten
und die Sicherheit des Schiffes gefährden."
"Ich fand Ihre Einwände wenig konstruktiv."
"Stellen Sie meine militärische Kompetenz in Frage?",
grollte Mucar mit zusammengezogenen Augenbrauen.
"Ich bin Zivilistin und habe wenig Ahnung von militärischen
Dingen. Doch schließlich hatte man mich für die Navigation
engagiert."
"Sie sind ein Bürger einen feindlichen Macht. Dies musste
ich meinem Patarin vor Augen führen."
"Und Ihre Einwände hatten nichts damit zu tun, dass ich
eine Frau bin?", stichelte Kyrell.
"Unterstellen Sie mir Vorurteile?", knurrte Mucar. "Ihr
Onkel hat uns glauben lassen, Sie seien ein Mann. Auch, wenn Ihr
Geschlecht nicht im Kontrakt erwähnt war, sind wir aufgrund
Ihres Namens davon ausgegangen, der Navigator sei männlich."
"Es war Ihr Fehler, nicht der meines Onkels. Woher sollte mein
Onkel wissen, dass die Ul'cha Kyrell für einen Männernamen
halten?"
"Das ist Haarspalterei, Frau. Ich bin es müde zu diskutieren.
Meine Geduld ist erschöpft", knurrte Mucar.
Kyrell erhob sich. "Ich bin auch müde. Ist besser, ich
haue mich in die Koje."
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