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Edition Banzini-Hefte (Ausgabe 1)
Der Kleine Tod von Norma Banzi
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Als der Tänzer Kito den Grakar-Krieger Charra kennenlernt,
wird er zum Grenzgänger zwischen Leben und Tod ...
Leseprobe:
Kito bewegte sich mit einer Arroganz durch die Halle, die denen
der Krieger in nichts nachstand. So mancher Tu` warf ihm einen heißen
Blick zu, aber er ignorierte sie alle. Plötzlich spürte
er eine Echsenzunge auf seiner unverschleierten Wange. Er zuckte
leicht zusammen, beherrschte sich aber. Eine solche Berührung
war ihm nicht fremd oder unangenehm, auch wenn er sie schon lange
nicht mehr gespürt hatte.
"Du bist kein Krieger, oder?", sprach der Grakar-General
Charra ihn an.
"Nein!", antwortete Kito.
"Viele sehen Dich an, als wollten sie Dich verschlingen."
"Du hast eine gute Beobachtungsgabe."
"Es gibt einige Männer hier, die ähnlich wie Du angestarrt
werden. Dieser Junge dort, der den ganzen Abend nicht von Patarin
Ernats Seite weicht, beispielsweise."
"Und?", fragte Kito. "Welche Schlüsse ziehst
Du?"
"Für Lustburschen werdet Ihr zu respektvoll behandelt."
Kito lachte dröhnend auf. "Deine Bemerkung war ziemlich
beleidigend."
"Möchtest Du mit mir kämpfen?", fragte Charra
ernsthaft.
"Wozu?", fragte Kito.
"Was bist Du nun?", fragte Charra.
"Ich bin ein Tänzer."
"Und wann tanzt Du?"
"Ich habe bereits gestern getanzt."
"Nun, ich wäre schon neugierig darauf, wie Du tanzt, obwohl
ich Dich ziemlich hässlich finde. Aber Dein Körper wirkt
sehr muskulös."
"Die meisten Personen finden mich begehrenswert", meinte
Kito. Er musterte Charra neugierig. "Ich denke, wenn Du meinen
Tanz sehen würdest, würdest Du ebenso empfinden."
"Du bist offensichtlich sehr eitel", meinte Charra amüsiert.
Seine Zunge glitt erneut über Kitos Gesicht.
"Ich tanze lange genug, um meine Wirkung auf andere einschätzen
zu können", entgegnete Kito schulterzuckend.
"Beweise es!", forderte Charra.
Kito lachte auf. "Du weißt nicht, worauf Du Dich einlässt.
Niemand sollte ein Spiel spielen, dessen Regeln er nicht kennt."
"Ich habe so eine Ahnung", knurrte Charra.
"Mura, der Clanchef der Hirten zum Gelben Felsen, wünscht
nicht, dass in dieser Nacht Tänze aufgeführt werden. Ich
halte mich an seine Anweisungen."
Die Neugier Charras war geweckt. So schnell wollte er nicht aufgeben.
Daher sprach er seinen Anführer an, mit dem er gut befreundet
war. Darr lag schon ziemlich betrunken auf einem Kissen, seinen
ausländischen weiblichen Chiren Vash im Arm. Er hatte sich
in der Vorstellung verrannt, die Frau schwängern zu wollen.
Daher ließ er sich oft von ihr begleiten. Aber Vash wurde
nicht schwanger. Ihre Gene passten einfach nicht zu denen der Grakar.
Charra hatte daher schon mehrmals vorgeschlagen, es mit einer reinrassigen
Delairianerin zu versuchen, doch aus irgendeinem Grund hatte Darr
Gefallen an Vash gefunden. Vielleicht war sie so gut im Bett, dass
man über die Farblosigkeit ihrer Haut und der Hässlichkeit
ihres Gesichtes hinwegsehen konnte. Für seine Betrunkenheit
erstaunlich geduldig hörte sich Darr die Ausführungen
seines Stellvertreters an. "Homoerotik? Unmöglich bei
den Tu`", meinte er dann. Er musterte seinen Gastgeber Drusus,
der sich jedoch in Schweigen hüllte und so tat, als würde
er das Gespräch der beiden Grakar nicht gespannt verfolgen.
Sein Geliebter Hal kicherte leise. Drusus hatte seine Gefährtin
Tamine fortgeschickt, weil ihr distanziertes Verhalten Darr gegenüber
immer peinlicher geworden war. Seitdem hielt er Hal umschlungen,
der sich unbekümmert in seine Arme schmiegte. Die Sache zwischen
dem Tu` und dem sehr männlich wirkenden zwittrigen Trantorianer
hatte Darr als geschmackliche Eigenheit des Anführers der Tu`
gewertet und nicht als ein Zeichen für dessen homosexuelle
Neigung interpretiert. Sich mit zwittrigen Wesen einzulassen galt
auf Grakar als normale Spielart des Sex und nicht als Zeichen einer
gleichgeschlechtlichen Neigung, weil trotz der mehr oder weniger
freiwilligen gentechnischen Angleichung der Grakar-Spezies an die
Vorgaben des imperialen Zentrums noch immer etwa dreißig Prozent
der Grakar als Zwitter geboren wurden, die in der Grakar-Gesellschaft
einen hohen Stellenwert einnahmen. Überall in der Konföderation
galt die Meinung, die Tu` seien sehr zurückhaltend und pflegten
weitaus weniger homosexuelle Gepflogenheiten, als andere ul`chanische
Stämme. Schwule Erotik würde bei ihnen so gut wie nie
vorkommen. Sollte dies nur ein Gerücht sein?
"Wenn Du als Anführer der Grakar den Gastgeber Mura um
eine Tanzaufführung bittest, kann er nicht ablehnen",
drängte Charra.
"Was meinst Du dazu, Drusus?", wandte sich Darr an den
Anführer der Tu`. "Verletzte ich irgendwelche Regeln der
Tu`, wenn ich Mura nach den Tänzen frage?"
"Einer Tanzaufführung beizuwohnen ist ein Erlebnis, dass
Du nicht so schnell vergessen wirst", antwortete Hal anstelle
seines Liebhabers. Drusus nickte nach einigem Zögern. "Ich
werde selbst zu Mura gehen und ihn darum bitten."
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